In German: A ‘Criminal’ Excerpt of Ahmed Naji’s ‘Istikhdam al-Hayah’

Translation by Nariman Youssef and Beatrice Stauffer.

Das heißt nicht, dass das Leben in Kairo ausschließlich schlecht war. Es gab durchaus auch gute Zeiten, zauberhafte Tage, die durch das Jahr verteilt waren; einige während dem langen Sommer, und eine Menge im kurzen Winter. Solche Tage waren ohne Ausnahme arbeitsfrei oder wir waren arbeitslos.

Man sagt, dass die Stadt nie schläft, dass sie aus allen Nähten platzt. Die Stadt dreht sich und kreist um sich selbst. Sie wuchert. Sie schäumt über. Brennt. Überall strömen die Leute wie Ameisen aus; in die Fabriken, die Büros, in Restaurants und Cafés, in die Moscheen und Kirchen. Sie kaufen, huschen und pissen, und das Hamsterrad hört trotz dem Gedränge nicht auf zu drehen. So präsentiert sich einem die Szene von oben, wenn man zum Beispiel ein Adler ist. Doch ist man ein junger Mann oder eine kleine Ratte, die im Rad rennt, dann bewegt man sich eigentlich kaum. Man geht zur Arbeit, macht dort seine Stunden, und verdient möglicherweise sogar ein angemessenes Gehalt. Aber man erreicht nie ein Ende, und auch wenn man ein Ende erreicht, verändert sich nichts. Ob man arbeitet oder nicht, das Rad dreht sich und jeder hat mitzurennen.

Ich kann mich noch erinnern, als ich nach einer Party bei Joseph mit Mony und eine paar Freunden den Rest der Nacht in Moods Wohnung in Garden City verbrachten. Bis zum Morgen rauchten wir Hasch und tranken eine ganze Wodkaflasche leer. Ich guckte die Decke an und sah, wie sich auf ihr die Musik in Affengestalt verwandelte. Eine blonde Deutsche klopfte im Takt auf ihrem Bein. Meine Erektionen kamen und ließen nach. Ein junger Palästinenser aus den USA, der schlecht Arabisch sprach, sagte etwas von Rassismus. Rauch, Zigaretten, Haschisch, und noch mehr Rauch.

“Bassam”, sagte Kiko, mit einem blutigen Blick zu mir gewandt, “Mir kommt der Rauch in die Augen.”
“Tut mir Leid, Baby.”

Ich legte ein Taschentuch über ihre Augen und bliese sanft. Die Deutsche guckte uns an, ein bisschen erstaunt. Ich entfernte das Taschentuch, meine Handfläche voll mit der dunklen Frische von Kikos Gesicht. Dann drückte ich ihr einen leichten Kuss auf die Lippen.
“Weißt Du, dass es eine Art von sexuellem Fetisch gibt, wo man die Augenpupille leckt?”, fragte die Deutsche auf Englisch.
“Wie meinst du das?”
“Ja, ich hab davon einmal gelesen”, warf Mood ein.
“Das ist eklig”, sagte Kiko, und warf die Arme um mich.

Was soll ein normaler Zwanzigjähriger denn schon tun in Kairo? Soll er Augenpupillen lecken, oder Muschi? Soll er Pimmel lutschen, Staub fressen, oder Cannabis rauchen, der mit Tranquilizer gemischt wurde? Man fragt sich, wie lange ein solcher Fetisch spannend bleibt. Alle hier haben in ihrer Jugend eine Menge Drogen ausprobiert. Nun sind wir vereinsamte Inseln, und begnügen uns damit, zusammen abzuhängen. Wir schaffen es zu überleben, in dem wir einander die Lebensfreude nehmen.

Mony stand neben den Lautsprechern, und schwang ihren Körper im Takt der Musik, die Augen weit geschlossen.
Mit der Zeit wurde Drogennehmen langweilig. Oder einfach nicht genug. Wenn sich einer von uns der Drogensucht total hingab, endete sein Leben in wenigen Monaten. So besagte es die Wissenschaft und die Erfahrung. Diejenigen, die sich immer noch in diesem Zimmer befinden, sind zu feige, ihrem Leben auf die eine oder andere Art ein Ende zu setzen. Vielleicht klammern wir uns an die Hoffnung, oder die Liebe, oder die Freundschaft.

Kairo nimmt seinen Bewohnern vieles weg und gibt nichts zurück. Außer ein paar lebenslange Freundschaften, die mehr vom Schicksal als von freier Wahl bestimmt werden. Man sagt, “In Kairo findest Du Deinesgleichen.” Es hat keinen Sinn, alleine zu rauchen. Essen schmeckt nur, wenn man es mit jemandem teilt, mit Kanzerogenen sind alle zufrieden.

Man sei glücklich in dieser Stadt, wenn man die sexuelle Unterdrückungsphase übersteht. Man befindet sich dann in einem Zwischenraum, wo der Sex nur eine Fassette der Freundschaft ist. Dann kannst du immer geil sein. Kiko streichelte mir den Rücken. Ich fühlte es zwischen den Beinen.

Als der Morgen graute, ging Mood in sein Zimmer. Alle anderen gingen nach Hause. Zu müde, zurück zur Stadt des 6. Oktober zu gehen, legte ich mich hin und schlief auf dem Sofa. Ich wachte früh und mit leichten Kopfschmerzen auf, in dem Raum zwischen meinem Gehirn und meinen Schädel eine Armee von Ameisen. Im Badezimmer nahm ich eine der Hangoverpillen, die Mood aus dem Ausland mitbringt. Nach einer langen Dusche machte ich einen Telefonanruf und verabredete mich mit Lady Löffel zum Frühstück im Maison Thomas in Zamalek.

Auf dem Weg waren die Straßen leer und sauber. Heute war ein Feiertag, vielleicht das islamische Neujahr, der Tag des Sieges, der Tag der Revolution. Es könnte auch Tag des Salzwasserwels gewesen sein. Es ist egal. Fakt ist, dass die Stadt schläfrig und fast unbewohnt war. Ich erkenne sie in solchen Zeiten kaum. Wenn ich von der Qasr al-Aini Straße in weniger als zwanzig Minuten nach Zamalek komme, ist es, als ob Kairo auf einmal nett zu mir sein will. Aber ich kenne dieses Lächeln und diesen altklugen Blick, und höre ihre Stimme, “Jederzeit könnte ich dich für mehr als einer Stunde alleine mit deinen Sorgen und mit deinem Selbstmitleid im Stau festsitzen lassen, und du müsstest dir ansehen, wie das Leben an dir vorbeizieht“.

Ich traf Lady Löffels vor dem Restaurant. Sie trug ein langes weißes Kleid, das ihre Arme und ihren Ausschnitt erkennen ließ. Sie küsste mich auf die Wange, „Du riechst so gut.”
“Ich habe Moods Parfüm benutzt.”

Ich verliebte mich in sie wegen ihres Halses. Sie war etwa neun Jahre älter als ich, aber sie war jugendlich geblieben. Sie machte regelmäßig Sport und hielt sich an gesundes Essen. Sie war hübsch, fröhlich, arbeitete bei einer Werbefirma und war beruflich erfolgreich. Leider aber war sie Protestantin und wollte Ägypten nicht verlassen. Ihre Chancen, einen protestantischen Mann mit ähnlichen Qualitäten zu treffen, der auch in Kairo bleiben wollte, waren gelinde gesagt klein. Sie hatte im Ausland studiert und fürchtete sich lange Zeit vor dem Heiraten und dem häuslich werden. Manchmal sehnte sie sich danach, Kinder zu haben. Sie war eigentlich immer mit älteren Männern zusammen, aber dann interessierten die sich plötzlich nicht mehr für sie. Und sie wiederum mochte die, die sie mochten, nicht. Sie war das erste Mal mit einem jüngeren Mann. Es machte sie verlegen, ihren Freunden unsere Beziehung zu erklären.

Der Name “”Lady Löffel” gab ihr Mony nachdem sie sie mit löffelförmigen Ohrringe auf einem Konzert getroffen hatte. Nun schwankten dieselbe Ohrringe mit der Bewegung ihrer Hand, als sie das Brot mit dem Messer abschnitt. Trotz meines trockenen Hals, rauchte ich schon am Morgen. Zigaretten schmeckten anders in Zamaleks Morgenluft. Ihr Geschmack erinnerte an Wonne, Sehnsucht, Zartheit, an die Farben violett oder orange.

Unser Frühstück bestand aus Eiern, Scheiben von bestem importiert Schinken -. Honig, Marmelade, und Orangensaft – und es machte einen neuen Mann aus mir. In der zeitgenössischen Lyrik wird besagt “Du bist ein anderer, wenn Du hungrig bist.” Im Maison Thomas wachte ich auf, wie unter einer weißen Bettdecke, und wurde von ihrem Lächeln empfangen.

Wir spazierten danach durch die Straßen Zamaleks in Richtung ihres Hauses. Sie trug einen dünnen silbernen Fussring. Ihre Zehennägel waren rot lackiert. Manchmal hielten wir Händchen, und manchmal legte ich meinen Arm um ihre Taille. Wir lachten oft im Schatten der Bäume. Wir lächelten sogar die Wachbeamten der verschiedenen Botschaften an, aber sie verharrten in ihrer steifen Haltung.
Ich überlegte mir, liebe ich sie? Natürlich liebte ich sie. Ich könnte nicht mit einer Frau schlafen, die ich nicht liebe. Und was ist schon Liebe? Ist es nicht einfach das Frohlocken des Herzens, die Ruhe im Geist, die Wärme im Magen? Wie jede Liebe in Kairo war auch diese vergänglich und kameradschaftlich.

Bei ihr rauchten wir einen Joint. Ich streichelte ihr Knie, als sie auf ihrem Computer ein altes Lied von Madonna suchte. Ich schob ihr Kleid über das Knie und ließ mich auf den Boden gleiten. Eingekuschelt zwischen ihren Beinen hob ich ihren Fuß an und liebkoste ihre große Zehe mit der Spitze meiner Zunge. Dann fuhr ich mit leichten Zungenberührungen über die Haut ihres Beins bis zum Knie. “Es kitzelt,” sagte sie kichernd auf Englisch, als ich ihre Kniescheibe mit Küssen bedeckte. Ich gab ihrem Knie einen letzten Kuss und setzte die Reise meiner Zunge oberhalb ihres Oberschenkels fort. Ich drückte einen Kuss leicht wie ein Schmetterling auf dem dünnen Stoff ihrer Unterhose und zog sie ihr mit der Hand aus. Ich tauchte meine Zunge in ihre Muschi und trank bis ich durstig wurde. Ich leckte sie ununterbrochen bis sie kam. Dann nahm sie mich in ihr Schlafzimmer und wir hatten langsamen und genüsslichen Sex. Sie gab mir den Rücken. Ich steckte meine Finger in ihren Mund, dann, feucht mit ihrem Speichel, in ihre Muschi. Schlüpfen und gleiten. Ich nahm sie von hinten. Ich griff ihr kurzes Haar und zog sie zu mir. Nach diesem guten Fick lag ich für ein paar Momente mit meinem Körper auf ihrem. Dann stieg ich aus dem Bett und warf das Kondom in den Mülleimer. Ich lächelte sie an, als mein Handy klingelte.
“Hey, wo bist du?”
“Mony, hey. Ich bin in Zamalek.”
“Willst du uns auf ein Sonnenuntergangsbier treffen?”
“Warum nicht.”
“Ich bin mit Samira und wir fahren zu Mokattam.”
” Habt ihr ein Auto?”
“Ja.”
“Hol mich in Zamalek dann ab.”
“Wann?”

Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen stieg sie aus dem Bett. Der Sex war vorbei, aber auf unseren Gesichtern war noch eine Spur von Intimität, ein Portrait der Freundschaft und des Wohlwollens. Überall zerfleischen die Leute sich gegenseitig. Darum sollten wir wenigstens anständig zueinander bleiben.
“In einer Stunde?”
“Sagt mal in eineinhalb Stunden.”
“OK.”
“Bye.”
“Bis dann.”

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